Verfassungsschutzbericht 1996


Rechtsextremistische Bestrebungen

I. Übersicht in Zahlen

1. Organisationen und Mitglieder

Leichter Rückgang des rechts-
extremistischen
Personenpotentials

Ende 1996 gab es in Deutschland 108 (1995: 96) rechtsextremistische Organisationen und Personenzusammenschlüsse. Die Zahl der Mitglieder solcher Personenzusammenschlüsse und der nichtorganisierten Rechtsextremisten liegt - nach Abzug der Mehrfachmitgliedschaften (990) - mit rund 45.300 Personen nur wenig unter der Zahl von 1995 (46.100). Während sich der Abwärtstrend der letzten Jahre (Rückgänge 1994: 7.900, 1995: 10.500) bei den Parteien fortsetzte, stieg das Personenpotential bei den gewaltbereiten Rechtsextremisten und den Neonazis an.

In rechtsextremistischen Parteien waren 33.500 Personen organisiert (1995: 35.900). In dieser Zahl sind die Mitglieder der Partei "Die Republikaner" (REP) enthalten, ohne daß damit alle einzelnen Mitglieder als Rechtsextremisten zu bewerten sind. Während die Mitgliederzahl der REP um 1.000 und die der "Nationaldemokratischen Partei Deutschlands" (NPD) um 500 zurückging, konnte die "Deutsche Volksunion" (DVU) ihren Mitgliederbestand stabilisieren. Die "Deutsche Liga für Volk und Heimat" (DLVH) mit 800 Mitgliedern (1995: 900) hat ihren Parteistatus aufgegeben.

Zunahme der
gewaltbereiten Rechtsextremisten

Die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten ist mit 6.400 (1995: 6.200) erneut gestiegen. Der Anstieg resultiert aus der Aufwärtsentwicklung der rechtsextremistischen Skinhead-Szene und steht damit nur scheinbar im Widerspruch zu dem Rückgang der Gewalttaten (vgl. Nr. 3.1). Denn zu den Gewaltbereiten werden auch die Rechtsextremisten gezählt, die sich - ohne bisher Gewalttaten begangen zu
haben - für Gewaltanwendung aussprechen, insbesondere die rechtsextremistischen Skinheads (vgl. Kap. II, Nr. 2). Die rechtsextremistische Skinhead-Szene stellt die weitaus größte Gruppe der gewaltbereiten Rechtsextremisten dar.

und der Neonazis

Auch die Zahl der Neonazis hat sich auf 2.420 (1995: 1.980) erhöht. Mitursächlich dafür sind die neuen Organisations- und Aktionsformen im Bereich der Neonaziszene (vgl. Kap. III, Nr. 2). In einzelnen Regionen haben sich z. T. kurzlebige "Kameradschaften" mit einer relativ starken Fluktuation bei den Aktivisten gebildet. Da vereinsmäßige Mitgliedschaftsregeln fehlen, umfaßt die Zahl der Aktivisten auch ein Mobilisierungspotential, das sich ohne längerfristige politische Zielrichtung an Aktivitäten von "Kameradschaften" beteiligt.

Die Umstrukturierung der Neonaziszene erschwert die Differenzierung zwischen organisierten und unorganisierten Neonazis. In einzelnen Regionen ist diese Unterscheidung kaum mehr möglich. Die nach den Organisationsverboten gegründeten Zusammenschlüsse weisen zwar Strukturansätze (z. B. regelmäßige Treffen, Führerschaft) auf. Sie sind aber keine Organisationen im klassischen Sinn (mit Satzung, Vorstand, Mitgliedsausweisen usw.) und haben teilweise nur eine geringe Bestandsdauer. Wegen der mangelnden Abgrenzungskriterien zwischen diesen diffusen Organisationsmodellen und unorganisierten Neonazis werden die Zahlen der organisierten und unorganisierten Neonazis nicht mehr getrennt ausgewiesen. 48 Gruppen (1995: 43) mit einem gewissen Grad an Organisationsstruktur konnten festgestellt werden.

Rechtsextremismuspotential

 

1994

1995

1996

 

Gruppen

Mitglieder

Gruppen

Mitglieder

Gruppen

Mitglieder

Gewaltbereite Rechtsextremisten, insbesondere
rechtsextremistische Skinheads




1




5.400




3




6.2001)




5




6.400 1)

Neonazistische
Bestrebungen


33


3.740


43


2.480


48


2.690

nach Abzug der Mehrfachmitgliedschaften

 


2.940

 


1.980

 


2.420

Parteien

4

45.4002)

4

35.9002)

3

33.500

davon
"Die Republikaner"
(REP) 3)

 



20.000

 



16.000

 



15.000

"Deutsche Volks-
union" (DVU)

 


20.000

 


15.000

 


15.000

"Nationaldemo-
kratische Partei Deutschlands" (NPD)

 



4.500

 



4.000

 



3.500

Studenten- und
Jugendorganisationen


8


260


9


280


8


280

Sonstige rechts-
extremistische
Organisationen


36


2.670


37


2.380


44


3.4204)

Summe

 

48.330

 

38.560

 

37.200

nach Abzug der Mehrfachmitgliedschaften

 


48.260

 


37.920

 


36.480

Gesamtes Personenpotential (nach Abzug der Mehrfachmitgliedschaften)




82




56.600




96




46.100




108




45.3005)


1) In die Statistik sind nicht nur tatsächlich als Täter/Tatverdächtige festgestellte Personen einbezogen, sondern auch solche Rechtsextremisten, bei denen lediglich Anhaltspunkte für Gewaltbereitschaft gegeben sind.

2) In diesen Zahlen sind die 900 Mitglieder der "Deutschen Liga für Volk und Heimat" (DLVH) enthalten. 1996 hat die DLVH ihren Parteistatus aufgegeben.

3) Es kann nicht davon ausgegangen werden, daß alle Mitglieder der REP rechtsextremistische Ziele verfolgen oder unterstützen.

4) In dieser Zahl sind die 800 Mitglieder der DLVH enthalten.

5) Insgesamt 990 Mehrfachmitgliedschaften (270 bei neonazistischen, 720 bei sonstigen rechtsextremistischen Organisationen).


 

2. Verlage, Vertriebsdienste und periodische Publikationen

Zahl der publizistischen Einrichtungen gestiegen

Die Zahl der rechtsextremistischen publizistischen Einrichtungen, die organisationsunabhängig sind, stieg von 35 auf 42. Es handelt sich im wesentlichen um Buch-, Zeitungs- und Schriftenverlage sowie Versandbuchhandlungen und Vertriebsdienste.

Gesamtauflage der periodischen Publikationen gesunken

Die Zahl der rechtsextremistischen Publikationen blieb mit 96 gegenüber dem Vorjahr konstant. 64 Publikationen erschienen mindestens viermal im Jahr (1995: 58). Diese hatten eine Gesamtauflage von rund 5,1 Millionen (1995: über 5,6 Millionen).

3. Straftaten mit erwiesenem oder zu vermutendem
rechtsextremistischem Hintergrund

3.1 Übersicht

Rückgang bei den Gewalttaten und Anstieg bei den
sonstigen Straftaten

1996 wurden 8.730 (1995: 7.896) Straftaten mit erwiesenem oder zu vermutendem rechtsextremistischem Hintergrund erfaßt: 781 (1995: 837) Gewalttaten und 7.949 (1995: 7.059) sonstige Straftaten. Damit stieg die Zahl der Straftaten insgesamt um rund 11 % an. Während die Zahl der Gewalttaten erneut zurückging (7 %), stieg die Zahl der sonstigen Straftaten um 13 %. Ursächlich hierfür ist der Anstieg der Propagandadelikte um rund 30 %. Dieser Anstieg beruht auch auf einer gestiegenen Anzeigebereitschaft der sensibilisierten Öffentlichkeit. Erstmals seit 1993 gab es wieder ein Todesopfer infolge einer rechtsextremistischen Gewalttat (vgl. Nr. 3.2). Bei 65 % (1995: 55 %) aller Straftaten handelte es sich um Propagandadelikte (§§ 86, 86a StGB), z. B. das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Übersicht über Straftaten mit erwiesenem oder zu vermutendem
rechtsextremistischem Hintergrund *)

 

1995

1996

Tötungsdelikte

0

1

Versuchte Tötungsdelikte

10

12

Sprengstoffanschläge

0

0

Brandanschläge

45

33

Körperverletzungen

509

507

Landfriedensbrüche

48

71

Sachbeschädigungen mit
Gewaltanwendung

225

157

Gewalttaten insgesamt

837

781

Nötigungen/Bedrohungen

504

364

Verbreiten/Verwenden
von Propagandamitteln

4.343

5.635

Volksverhetzung,
Aufstachelung zum Rassenhaß
u. a. Straftaten

2.212

1.950

Sonstige Straftaten insgesamt

7.059

7.949

Straftaten gesamt

7.896

8.730


*) Die Zahlen basieren auf Angaben des BKA. Die Zahlenangaben betreffen den Stand vom 30. Januar 1997.

Die Zahl der Gewalttaten verringerte sich seit dem Höchststand im Jahre 1992 (2.639) um 70 %. Die sonstigen Straftaten gingen seit ihrem Höchststand 1993 (8.329) um 5 % zurück.

Ursachen für den Rückgang rechts-
extremistischer
Gewalt

Zum Rückgang der rechtsextremistischen Gewalt hat die konsequente Strafverfolgung der Gewalttäter und die Verhängung empfindlicher Freiheitsstrafen beigetragen. Aber auch andere staatliche Maßnahmen, wie der Erlaß von Vereins- und Versammlungsverboten, zeigten Wirkung. Potentielle Gewalttäter mußten erkennen, daß die Mehrheit der Bevölkerung rechtsextremistische Gewalt ablehnt. Nach der Änderung des Asylrechts und dem daraus resultierenden Rückgang der Zahl der Asylbewerber entfiel für Rechtsextremisten ein Agitations- und Angriffsfeld, das Gewalttäter zum Anlaß für ihre fremdenfeindlichen Gewalttaten genommen hatten.

Nur in Einzelfällen Einbindung der
Gewalttäter in
Organisationen

Nur in Einzelfällen sind bei rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten Mitgliedschaften oder Verbindungen zu rechtsextremistischen Organisationen festzustellen. 15 % der mutmaßlichen Gewalttäter sind der unorganisierten Skinhead-Szene zuzuordnen. Häufig fassen diese den Entschluß für ihre Taten kurzfristig. Ein organisiertes, langfristig geplantes Vorgehen ist selten (vgl. Kap. II, Nr. 1.1). Die Begegnungen mit den Opfern waren meist zufällig; oft gingen den Taten verbale Auseinandersetzungen voraus.

Entwicklung der Straftaten mit erwiesenem oder zu vermutendem rechtsextremistischem Hintergrund
1987 - 1996

 

3.2 Zielrichtungen der Straftaten

Fremdenfeindliche Straftaten

Die meisten Gewalttaten (441 = 56 %) richteten sich auch 1996 gegen Fremde (1995: 540 = 65 %). Der Anteil der fremdenfeindlichen Straftaten *) an den rechtsextremistisch motivierten Straftaten insgesamt beträgt dagegen nur 26 %. Die Zahl der fremdenfeindlichen Straftaten ist im Vergleich zum Vorjahr um 10 % zurückgegangen (Gewalttaten: 18 %, sonstige Straftaten: 7 %). Der Rückgang der fremdenfeindlichen Straftaten seit dem Höchststand 1993 (6.721) beträgt bei den Gewalttaten 73 %, bei den sonstigen Straftaten 65 %.

Beispiele:

Antisemitische
Straftaten

Die Straftaten mit antisemitischem Hintergrund (846 = 10 %) gingen im Vergleich zum Vorjahr um 27 % zurück (1995: 1155 = 15 %). Der Rückgang bezieht sich allerdings nur auf die sonstigen Straftaten; die Zahl der antisemitisch motivierten Gewalttaten (29) ist leicht angestiegen (1995: 27). Mit 26 Taten ist die Zahl der Schändungen jüdischer Friedhöfe und Gedenkstätten rückläufig (1995: 40).

Beispiel:

Straftaten gegen politische Gegner

Die Straftaten gegen politische Gegner (175 = 2 %; 1995: 142 = 2 %) stiegen um 23 % (Gewalttaten: 24 %, sonstige Straftaten: 23 %).

Beispiele:

Straftaten mit
sonstigen rechts-
extremistischen Zielrichtungen

Die Zahl der Straftaten mit sonstigen rechtsextremistischen Zielrichtungen (5.477) stieg gegenüber 1995 um 33 % (Gewalttaten: 12 %, sonstige Straftaten: 34 %). Ihr Anteil insgesamt beläuft sich auf 63 %, bei den Gewalttaten auf 29 % und den sonstigen Straftaten auf 66 %. Die Straftaten richteten sich u. a. gegen Obdachlose und Behinderte.

Beispiel:

 

Entwicklung der Straftaten nach Zielrichtungen 1993 bis 1996

 

 

1993

1994

1995

1996

Straftaten gesamt
Gewalttaten
Sonstige Straftaten

10.561
2.232
8.329

7.952
1.489
6.463

7.896
837
7.059

8.730
781
7.949

mit fremdenfeindlichem Hintergrund
Gewalttaten
Sonstige Straftaten


6.721
1.609
5.112


3.491
860
2.631


2.468
540
1.928


2.232
441
1.791

mit antisemitischem
Hintergrund
Gewalttaten
Sonstige Straftaten


656
72
584


1.366
41
1.325


1.155
27
1.128


846
29
817

gegen politische Gegner
Gewalttaten
Sonstige Straftaten

265
157
108

243
95
148

142
68
74

175
84
91

mit sonstigen rechts-
extremistischen Ziel-
richtungen
Gewalttaten
Sonstige Straftaten



2.919
394
2.525



2.852
493
2.359



4.131
202
3.929



5.477
227
5.250

 

Die Straftaten verteilen sich nach Tatarten auf folgende Zielrichtungen *):

 

 

fremdenfeindliche

antisemitische

gegen politische Gegner

sonstige
Zielrichtungen

Tötungsdelikte

0

(0)

0

(0)

1

(0)

0

(0)

Versuchte
Tötungsdelikte

11

(8)

0

(0)

1

(2)

0

(0)

Sprengstoff-
anschläge

0

(0)

0

(0)

0

(0)

0

(0)

Brandanschläge

27

(37)

1

(1)

3

(4)

2

(3)

Körperverletzungen

307

(372)

10

(9)

54

(36)

136

(92)

Landfriedensbrüche

27

(20)

0

(0)

20

(18)

24

(10)

Sachbeschädi-
gungen mit
Gewaltanwendung
**)

 

69

(103)

 

18

(17)

 

5

(8)

 

65

(97)

Nötigungen,
Bedrohungen

232

(327)

19

(25)

26

(23)

87

(129)

Verbreiten/Ver-wenden von Propagandamitteln

 

601

(547)

 

174

(191)

 

43

(35)

 

4817

(3570)

Volksverhetzung, Aufstachelung zum Rassenhaß u. a. Straftaten

 

 

958

(1.054)

 

 

624

(912)

 

 

22

(16)

 

 

346

(230)


*) Zahlen von 1995 in Klammern

**) Anders als bei den fremdenfeindlichen und antisemitischen Taten wird bei den Taten gegen politische Gegner und mit sonstigen Zielrichtungen der Anteil der Sachbeschädigungen mit Gewaltanwendungen vom BKA nicht gesondert erfaßt. Hier wurde daher der Anteil der Sachbeschädigungen mit Gewaltanwendung auf der Basis der fremdenfeindlichen Taten hochgerechnet.


3.3 Verteilung der Straftaten auf die Länder

Die meisten Straftaten mit erwiesenem oder zu vermutendem rechtsextremistischem Hintergrund ereigneten sich in Nordrhein-Westfalen (1.300, davon 130 Gewalttaten) und Thüringen (879, davon 56 Gewalttaten). Im Durchschnitt ereigneten sich in den neuen Ländern insgesamt 26,4 Straftaten je 100.000 Einwohner, in den alten Ländern 8,4. Die Anzahl der Gewalttaten betrug in den neuen Ländern 2,4 und in den alten Ländern 0,9 Taten je 100.000 Einwohner.

Straftaten mit erwiesenem oder zu vermutendem rechtsextremistischem
Hintergrund in den Ländern

Straftaten mit erwiesenem oder zu vermutendem rechtsextremistischem
Hintergrund in den Ländern je 100.000 Einwohner

 

3.4 Sozialstruktur der Tatverdächtigen

Tatverdächtige überwiegend unter 21 Jahren

Von den 751 erfaßten mutmaßlichen Gewalttätern waren nur 30 (4 %) Frauen. 66 % der Tatverdächtigen waren Jugendliche und Heranwachsende im Alter von 16 bis 20 Jahren.

Altersstruktur der mutmaßlichen Gewalttäter

 

Altersstruktur der mutmaßlichen Gewalttäter

 

1993

1994

1995

1996

16 - 17 Jahre:

20,5 %

22,8 %

24 %

29,6 %

18 - 20 Jahre:

38,4 %

35,7 %

36,8 %

36,7 %

21 - 30 Jahre:

34,7 %

33,3 %

32,3 %

27,4 %

31 - 40 Jahre:

3,6 %

3,6 %

3,9 %

3,1 %

über 40 Jahre:

2,8 %

4,5 %

3 %

3,2 %

 

Den Prozentangaben liegen folgende Zahlen zugrunde: für 1993 1.206, für 1994 1.233, für 1995 1.058 und für 1996 751 Personen.

Ein Vergleich mit den Vorjahren zeigt, daß der Anteil der Tatverdächtigen unter 18 Jahren deutlich zugenommen hat. Bei den 21 bis 40 Jahre alten Tatverdächtigen ist dagegen ein Rückgang zu verzeichnen.

 


Verfassungsschutzbericht 1996

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